The Magic Bus

The Magic Bus

Abschiede

Abschiede sind schmerzhaft, sie berühren

Abschiede sind oft verbunden mit Tränen und Berührungen

Abschiede sind nie leicht und selten schön

Und dennoch man muss Abschied nehmen um seinen Weg zu gehen

 Märstetten, Jakobsherberge, 2007, Camino de Santiago

 

Vermutlich am 19 August 1994 starb Chris McCandless, oder wie er sich selbst nannte Alexander Supertramp ,nach 113 Tagen in der Wildnis Alaskas. In diesen 113 Tagen ernährte er sich von dem was er sammeln und jagen konnte. Bekannt wurden Chris Erlebnisse durch das Buch In die Wildnis von Jon Krakauer und dem 2008 erschienen Film Into the Wild.

23 Jahre später machte ich mich auf, um seinen Spuren zu folgen und ihm zu Gedenken.

Ich machte mich auf, dem Stampede Trail, welcher Chris in die Wildnis führte, soweit als möglich mit dem Motorrad zu folgen, dort mein Zelt aufzuschlagen und mich daran erinnern, dass ein junger Mann auszog, seinen Träumen zu folgen und letztlich verhungerte.

25.08.17 Denali Highway – Stampede Trail

Ich wache um 3Uhr auf und kann nicht schlafen. Ich bin aufregt, es regnet. Versuche wieder einzuschlafen aber nichts passiert. Um 4 Uhr schreibe ich an meinem Tagebuch, danach koche ich einen Kaffee und Porrage.

Ich bleibe lange liegen, denke nach. Meine Gedanken kreisen.

Um 6.30 Uhr stehe ich schließlich auf, es nieselt. Ich gehe joggen. Eine Wohltat. Um 8.30Uhr ist alles gepackt, Ich verabschiede mich von meinen Nachbarn und setze meinen Weg auf dem Denali Highway fort. Es geht vorbei an flachem Buschland, welches ringsum von Bergen umrahmt wird. Der Regen wird stärker. Kalter Wind peitscht mir ins Gesicht.

Auf dem Denali Highway

Auf dem Denali Highway

Am Ende des Highways finde ich ein Café und verbringe dort den Vormittag. Weiter geht es zum Denali National Park. Ich schaue mich um, bin aber nicht wirklich hier. Schlendere durch Touristenshops ohne mir wirklich etwas anzusehen. Um 14Uhr merke ich, dass ich meine Begehung des Stampede Trails unbewusst verzögere indem ich meine Zeit hier vertrödle. Schließlich reiße ich mich zusammen und setze meinen Weg Richtung Healy fort.

An der Brauerei angekommen, entdecke ich gleich den Bus. Mein Herz setzt für einen Moment aus. Der Bus ist eine Kopie des Orginalbusses und steht im Biergarten der hier ansässigen 49th State Brewery. Ich begebe mich langsam zum Bus, frage eine Angestellte ob sie ein Foto von mir machen kann.

The Magic Bus

The Magic Bus

Als ich den Bus betrete, spüre ich tiefe Trauer. Ich nehme mir Zeit, versuche mir vorzustellen ob ich hier 113 Tage leben, überleben könnte, ich bin mir nicht sicher. Im Bus ist eine kleine Ausstellung mit Bildern, den letzten Postkarten und seinem Tagebuch, die die Tage in der Wildnis dokumentieren.

Im Bus

Im Bus

Ich kaufe noch ein Bier, dann geht es los. Die Stampede Road ist eine geteerte Straße, an der rechts und links Häuser liegen. Nach einigen Kilometern geht die Straße in einen Schotterweg über. An einem Parkplatz angekommen, geht dieser letztlich in den Stampede Trail über, einem Weg der gerade breit genug für ein Quad oder ATV ist.

Gleich zu Beginn wartet die erste Herausforderung. Der Trail ist gefüllt mit Wasser. Rechts des Weges gehen einige Spuren entlang, die das langezogene Wasserloch im Sumpfland umfahren haben. Ich parke meine Maschine und begehe die Umgehung. Es müsste machbar sein.
Zurück am Motorrad starte ich mein Motorrad. Nach nur wenigen Metern versinkt das Hinterrad im Morast. Scheiße!

Festgefahren im Morast

Festgefahren im Morast

Nach etlichen Versuchen, dass Motorrad zu befreien, lade ich schließlich meine Gepäckrolle ab, um das Gewicht am Hinterrad zu verringern. Auch der Hinterreifen der schon über 6000km geteerte Straße befahren hat, hilft nicht gerade dabei, voranzukommen. Es gelingt mir schließlich das Motorrad aus seiner misslichen Lage zu befreien. Schiebend kämpfe ich mich langsam aber kontinuierlich durch den Sumpf. Jetzt bloß nicht anhalten.

Nach 20 Minuten habe ich es geschafft. Das fängt ja gut an. Ich hoffe, dass der restliche Trail besser befahrbar ist. Nachdem ich das Gepäck durch den Sumpf getragen und wieder auf dem Motorrad verstaut habe, setze ich die Fahrt fort. Der Trail ist gut befestigt, ich komme gut voran und genieße die Fahrt.

Auf dem Stampede Trail

Auf dem Stampede Trail

Unterwegs treffe ich eine Gruppe von 5 jungen Polen die mit einem Bus um die Welt reisen. Nach einem kurzen Plausch erfahre ich das sie bis zum originalen Bus laufen möchten. Ich bin stark beeindruckt, hoffe sie schaffen es, da man 3 Flüsse mit einer starken Strömung durchqueren muss.

Die Gruppe junger Polen auf dem Stampede Trail

Die Gruppe junger Polen auf dem Stampede Trail

Es gilt einige Wasserdurchfahrten zu meistern. Die tiefsten und längsten umgehe ich auf Umgehungswegen, die etliche Quads vor mir angelegt haben.

Teils ist der Trail spiegelglatt und mein Vorderrad findet keinen Halt. Da ist es auch schon passiert. Das Motorrad liegt im Schlamm. Ich lade meine Gepäckrolle ab und versuche die Maschine wieder aufzurichten. Mit viel Mühe gelingt es mir schließlich. Ich bin so dankbar, dass ich mich für eine leichte Einzylindermaschine als Reisemotorrad entschieden habe.

Ausgerutscht

Ausgerutscht

Wenig später bleibe ich mit meiner Gepäcktasche an einem Baumstumpf hängen und lande erneut im Matsch.

Am Baumstumpf hängengeblieben

Am Baumstumpf hängengeblieben

Nach ungefähr 8km auf dem Trail erreiche ich an einen Bieberdamm, welcher quer über den Weg geht. Das Wasser ist kristallklar und man kann bis auf den Grund schauen. Die Besitzer des Quads, welches den Weg blockiert, kommen von ihrer Erkundung zurück. Sie erzählen, dass sie versucht haben das Wasser zu durchqueren aber nachdem das Wasser die Scheinwerfer berührt hat, sie wieder rückwärts rausgefahren sind.

Das ist zu tief für mich. Auf meinem Garmin ist eine zweite Route eingezeichnet. Ich finde sie schnell, aber nach nur wenigen hundert Metern versinkt mein Hinterrad erneut in der Sumpflandschaft. Nach einer kurzen Begehung ist der Trail nicht mehr sichtbar und verläuft sich in der weitläufigen Landschaft.

Motorrad im Sumpf versenkt

Motorrad im Sumpf versenkt

Zurück am Bieberdamm erkunde ich die Umgebung und suche nach einer Stelle um ihn zu umfahren. Schließlich begehe ich die Durchfahrt. Das Wasser ist hüfthoch, zu tief für mein Motorrad. Es würde in den Motor laufen und schlimmstenfalls den Motor zerstören.

 

Kurz darauf kommen die Polen. Ich zeige ihnen den besten Weg den Bach zu durchqueren, noch schnell ein Foto, dann sind sie auch schon auf der anderen Seite verschwunden.

Auf ihrem Weg zum Magic Bus

Auf ihrem Weg zum Magic Bus

Hier ist also der Endpunkt meiner Reise auf dem Stampede Trail. Ich baue mein Zelt auf, entfache ein Lagerfeuer und verbringe den Abend in Gedanken.

Am Bieberdamm

Am Bieberdamm

Gedanken

23 Jahre nachdem Chris McCandless in der Taiga Alaskas ums Leben gekommen ist, habe ich mich aufgemacht seinen Spuren zu folgen, ihm nahe zu sein, ihm zu sagen, Ich verstehe dich. Ich entdecke mich in ihm, gleichzeitig bin ich aber doch so anders.

Eine innere Kraft hat mich dazu gebracht, hierher nach Alaska zu reisen. Eigentlich war es nur ein flüchtiger Gedanke, dass ich eventuell nach dem Ende des Trans Canada Adventure Trails noch nach Alaska könnte, verwarf diesen Gedanken aber rasch wieder, da es bereits zu spät sein würde um noch in den hohen Norden aufzubrechen.

Nun sitze ich hier, nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Chris letzten Endes verhungert in einem Bus gefunden wurde. Ich denke an ihn.

Sonnenuntergang am Stampede Trail - Versunken in Gedanken

Sonnenuntergang am Stampede Trail – Versunken in Gedanken

Seine Geschichte soll uns nicht daran hindern unseren Weg zu gehen. Ganz im Gegenteil, sie soll uns Mut machen unseren inneren Träumen zu folgen.

Ich bin mir sicher, dass Chris in seinen 24 Jahren mehr erlebte, als  viele in ihrem ganzen Leben. Damit meine ich nicht große Abenteuer oder das Risiko mehrere Male knapp dem Tod entronnen zu sein.

Nein vielmehr bin ich mir sicher, dass dieser junge Mann das Glück erleben durfte, vollkommen im Hier und Jetzt zu Leben. Jede Sekunde, jeden Augenblick wahrzunehmen als das was er ist: Ein Geschenk.

You will never have this day again .. So make it count

Ein Stein den ich einige Tage zuvor entdeckte

Die Freude zu spüren, von völlig Fremden umgeben zu sein, die einem mit ihrer Zuneigung schier den Atem rauben. Zu fühlen wie das pure Gefühl des Glückes durch einen hindurchleuchtet. Mit strahlenden Augen der Welt begegnen und von einer Freude erfasst zu werden, die ich nicht wage in Worte zu fassen, aus Angst der Magie des Momentes einen Namen zu geben.

Noch lange nach Einbruch der Nacht sitze ich am Lagerfeuer

Noch lange nach Einbruch der Nacht sitze ich am Lagerfeuer

Auch ich sehe viel von ihm in mir. Mit dreiundzwanzig bin auch ich losgezogen um die Welt zu verstehen, um das Leben zu erfahren. Ich machte mich auf, den Jakobsweg zu bereisen. 5 1/2 Wochen war ich zu Fuß unterwegs. Ohne Geld, ohne Handy, ohne Sicherheit im Rucksack durchstreifte ich Deutschland, die Schweiz und Frankreich.

5 1/2 Wochen in denen ich wirklich lebte. 5 1/2 Wochen die mir Mut machten an die Menschheit zu glauben. Überall traf ich auf freundliche Menschen, die mir so viel Wärme und Zuneigung schenkten, die gerne das Essen mit mir teilten und mir oft einen Schlafplatz unter ihrem Dach anboten.

5 1/2 Wochen die mein Leben für immer veränderten und die ich tief in meinem Herzen verwahre.

Erinnern

Chris ist für mich weder Held noch Abschreckung. Er erinnert mich in Momenten in denen ich zweifele daran, dass alles möglich ist. Das wir stärker sind als wir letztendlich glauben.

Er erinnert mich aber auch daran, dass wir sterblich sind.

Er erinnert mich daran, dass unser Leben kostbar und einzigartig ist.

Er erinnert mich daran, Ratschläge anzunehmen und nicht einfach zu denken, mir passiert schon nichts.

Er erinnert mich daran, jeden Augenblick bewusst zu erfahren, denn dieser Moment kehrt niemals zurück.

Er erinnert mich daran, welche Rolle der Vater im Leben eines Kindes spielt

RIP

 

Als ich am nächsten Morgen erwache, spüre ich, dass mein Alaska-Abenteuer zu Ende ist.

Ein letzter Blick zurück

Ein letzter Blick zurück

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